Michael Stoll:
Flucht verwalten

13. – 28. Oktober 2017

FLUCHT VERWALTEN

 
Michael Stolls Arbeiten lassen sich an der Schnittstelle von Kunst und Architektur verorten und sind stets mit einem kritischen Impetus versehen. Während sich seine letzten Werke mit dem Reisen und Flüchten befassten, fokussiert die aktuelle Arbeit auf das Ankommen nach der Flucht. Die Hoffnungen und Erwartungen der geflüchteten Menschen stehen dabei in scharfem Kontrast zur bürokratischen Realität. Wie also präsentiert sich die vielzitierte Willkommenskultur?

Im Jahr 2015 zählten die Forscher des Heidelberger Instituts für Konfliktforschung 424 politische Konflikte auf der Welt – die höchste Zahl, seit das Institut Anfang der 90er Jahre seine Arbeit aufnahm. Im Jahr 2016 überschritt die Zahl der Flüchtlinge weltweit erstmals die 60 Millionen Marke: Ausgelöst durch Krieg, Gewaltherrschaft und Armut seien Ende 2016 65,6 Millionen Menschen auf der Flucht, konstatiert das Flüchtlingshilfswerk UNHCR. Auch in Europa rückt die Thematik durch gestiegene Flüchtlingszahlen nicht nur ins Bewusstsein der Menschen, sondern auch auf die politische Agenda, obwohl nur die absolute Spitze des Eisbergs – 722.370 Personen, laut Bundesinnenministerium – 2016 tatsächlich in Deutschland Asyl beantragte.

Einen Brennpunkt der Flüchtlingsthematik in Berlin nimmt Michael Stoll mit seinem Projekt LAGESO in den Fokus. Dieser Arbeit kann man sich sehr gut mit Hilfe von Jürgen Habermas nähern: Habermas unterscheidet zwischen Lebenswelt und System. Die Lebenswelt zeichnet sich durch sprachliche Verständigung aus und basiert auf dem, was uns Menschen von anderen Lebewesen unterscheidet: In einer sprachlichen Auseinandersetzung sind wir in der Lage, uns durch gute Argumente, rationaler oder emotionaler Art, überzeugen zu lassen. Ein System hingegen repräsentiert einen bestimmten funktionalen Bereich unserer Gesellschaft, in dem die kommunikative Verständigung durch binäre Codes ersetzt ist: 1 oder 0, drinnen oder draußen. An bestimmten Stellen der Gesellschaft prallen diese beiden Komponenten aufeinander. Einer dieser Orte ist das LAGESO in Berlin. Hier findet die Erstregistrierung von Geflüchteten statt, hier werden die Asylanträge gestellt und bearbeitet. Die bürokratischen Strukturen dieser Behörde sind, wie in allen Verwaltungen, systemisch organisiert. In den auszufüllenden Formularen gibt es nur die Möglichkeit, Ja oder Nein anzukreuzen. Ein definierter Asylgrund wird erfüllt oder nicht – aber eben nicht ein bisschen. Gleichzeitig bewegen sich in diesem System Menschen mit Schicksalen. Mit komplexen, umwegigen Lebensläufen. Mit rationalen und emotionalen Fluchtgründen.

Michael Stolls Arbeit befasst sich mit der Unmöglichkeit, diese beiden Komponenten in Einklang zu bringen: Einerseits eine bis ins kleinste Detail ausdifferenzierte, höchst bürokratische Verwaltungsstelle und andererseits Bearbeitungsnummern hinter denen Menschen stehen, deren Lebensgeschichten sich nicht in Formulare pressen lassen und deren Einzelschicksale Empathie und Menschlichkeit verlangen.

Passender könnte der Ausstellungsort, der Projektraum Kurt-Kurt, mit seiner aktuellen Ausstellungsreihe „sans papiers – Das Leben ist eine Reise“ kaum sein: In unmittelbarer Nähe zum LAGESO, dem Berliner Epizentrum der Flüchtlingsbewegung im Sommer 2015, zeigt Michael Stoll das breite Spektrum seiner Arbeitstechniken. Während im vorderen Raum der pinke LAGESO-Lageplan also die systemische, rationalisierte Komponente einer Fluchtgeschichte darstellt, fängt die Serie der 3D-gedruckten Fluchtstücke die unterschiedlichsten Emotionen ein, die einen Menschen in die Flucht treiben und ihn dabei begleiten. Die Objekte repräsentieren die individuellen Lebensgeschichten, Ängste und Hoffnungen, die der Flüchtende im Gepäck hat. Das Handy als letzte Verbindung zur Familie. Das metallene Doppelstockbett als Verlust der Privatsphäre. Das Absperrgitter als wiederkehrende, kafkaeske Grenze – räumlich, bürokratisch, zwischenmenschlich, nationalstaatlich.

Der hintere Raum lässt den Betrachter tiefer in die Thematik eintauchen: Er findet sich in einem Wartesaal mit Stuhlreihen und Nummernanzeige wieder. Dominierend präsentiert sich hier eine großflächige Plakatwand in grellem Neongelb, die eine Textarbeit von Michael Stoll zeigt. Diese Anleitung zum Asylantrag basiert auf zahlreichen Interviews vor Ort am LAGeSo, mit Asylsuchenden und Helfern, sowie Orginal-Unterlagen aus Asylverfahren. Daraus entstand zunächst eine Art Leitfaden für Asylsuchende, der sich in Form und Ton am Stil amtlicher Formulare anlehnt. Die typographisch auffälligen schwarzen Blöcke referieren dabei auf die geschwärzten Textteile der Orginal-Unterlagen. Michael Stoll möchte mit dieser Arbeit dem Nichtasylsuchenden die Absurdität des bürokratischen Prozedere vorführen.

Verlässt der Betrachter das Wartezimmer, stößt er im mittleren Raum auf eine Zeltkonstruktion. Wie in der Textarbeit beschrieben, verwandelte sich der Park gegenüber des LAGeSo im Sommer 2015 in eine Art inoffizielles Flüchtlingslager. Zum großen Teil völlig ungeschützt harrten hier ganze Familien über Wochen aus, bis sie in Notunterkünfte untergebracht wurden. Angetrieben von diesen Eindrücken entwickelte Michael Stoll eine einfache, zusammensteckbare Zeltstruktur, deren Verbindungsstücke mit Hilfe eines Programms 3D-gedruckt werden können. Leonie Lydorf, Soziologin

Nach Stationen in Biel, Bern, New York und Zürich lebt und arbeitet Michael Stoll (*1983 in Schaffhausen) nun in Berlin.

 

Administrating Refuge

 
Michael Stoll’s work aim at the intercept of art and architecture, always accompanied with a hint of critical impetus. While his last works focused on travelling and seeking refuge, his later work now processes the procedures thereafter. Hopes and expectations of refugees bluntly contrast with the administrative reality refugees are facing at their destination. How does often cited “Willkommenskultur”, pro-refugee attitude, manifest itself?

In 2015, researchers from the Heidelberg Institute for International Conflict Research counted 424 political conflicts globally. This, being the highest number of conflicts since the Institute started its work in the beginning of the 1990s. In 2016, the number of refugees globally, for the first time, exceeded the number of 60 million people. At the end of 2016, the UN Refugee Agency UNHCR estimated that about 65.6 million people are seeking refuge due to war, despotism or poverty. Due to the numbers of refugees reaching Europe, the topic not only found its way into people’s conscious but also onto the political agenda, even though only the tiny tip of the ice berg, 722,370 people according to the Federal Ministry of the Interior, filed an application for asylum in Germany in 2016.

In his work LAGESO, Michael Stoll addresses one of the focal points of the recent refugee debate. One can easily approach this work with Jürgen Habermas. Habermas differentiates between lifeworlds and systems. Lifeworlds can be characterized by vocal communication, the factor which differentiates us from other species: In conversations we can exchange arguments of rational and emotional kind to make our point. A system on the other hand, represents a certain functional area of a society. An area where communication is represented by binary code, either you are or you are not.

From time to time these two components of our society clash. One of these places is the LAGESO in Berlin. Here, the primary registration of refugees takes place, asylum applications are filed and processed. The administrative structures of LAGESO follow a systematic approach, likewise all administrations. In all forms to be filled out, only yes or no boxes can be ticked. You can comply with a predefined reason for seeking asylum or not – but not to a certain extent. At the same time administrative processes represent real people. People with complex non-linear fates. People with rational and emotional reasons to take refuge.

Michael Stoll’s work focuses on the challenges to bring these two components in agreement. On the one hand an administration with tiny fanatic details and bureaucratic hurdles of many kinds, an administration which’s process IDs stand for real people. People which’s fates do not fit the given boxes to tick. People which’s fates are in need of empathy and humanity.

The exhibition site KURT KURT therefore could not be more appropriate: Close to LAGESO, the Berlin epicenter of the refugee movement in summer of 2015, Michael Stoll presents a broad overview on his work techniques. While in room I the pink LAGESO site map represents the systematic rationalized component of a refuge story, the series of 3D-printed escape pieces represents the emotions which are the drivers of seeking refuge. The objects represent the individual fates, fears and hopes which accompany people on their journey. The cell phone representing the last connection to their family. The metal bunk bed as lost privacy. The protective grating being recurrent Kafkaesque borderlines – as spatial, administrative, interpersonal and concerning national borders.

Room III lets the visitor dive deeper into the topic: He finds himself in a waiting area with rows of chairs and displays indicating waiting numbers. The room is dominated by a broad neon billboard chart, holding a text work by Michael Stoll. Shown are instructions on how to file an application for asylum, based on numerous interviews at the LAGESO, with refugees and helpers, as well as original documents from the administrative procedure of granting the right for asylum. Based on that information, Michael Stoll developed a kind of guideline for refugees, a guideline which’s formatting and style is oriented on administrative declarations. The shaded areas hereby indicate censored parts of the original documents. Michael Stoll with this work is aiming to illustrate the absurdity of the overall procedure to the non-involved visitor.

Leaving the waiting room, in room II the visitor encounters a tent construction. As the text work indicates, the park on the other side of the street of LAGESO turned into some kind of an unofficial refugee camp in summer of 2015. To a large extent completely unprotected, whole families, for weeks, were awaiting their emergency shelter here. Driven by these impressions Michael Stoll developed a simple mountable tent construction, which’s connectors can be 3D printed.
Leonie Lydorf, sociologist

After stops in Biel, Bern, New York and Zurich, Michael Stoll (*1983 in Schaffhausen) now lives and works in Berlin.
 
www.stolm4.blogspot.com