Michael Stoll
FLUCHT VERWALTEN

Michael Stoll               FLUCHT VERWALTEN            

Eröffnung                    Freitag, 13.10.2017 um 19 Uhr

Ausstellung                  13.10. – 28.10.2017

Öffnungszeiten           jeweils Samstags 16 – 19 Uhr

 

Symposium              14.10.2017 von 14.00 – 19.30 Uhr

Thema Kunst, Flucht und Migration

mit Michael Stoll, Dr. Charlotte Bank, Prof. Dr. Anja Lüthy, Ramy Al-Asheq

(Infos zum Programm des Symposiums siehe weiter unten)

 

FLUCHT VERWALTEN

Michael Stolls Arbeiten lassen sich an der Schnittstelle von Kunst und Architektur verorten und sind stets mit einem kritischen Impetus versehen. Während sich seine letzten Werke mit dem Reisen und Flüchten befassten, fokussiert die aktuelle Arbeit auf das Ankommen nach der Flucht. Die Hoffnungen und Erwartungen der geflüchteten Menschen stehen dabei in scharfem Kontrast zur bürokratischen Realität. Wie also präsentiert sich die vielzitierte Willkommenskultur?

Im Jahr 2015 zählten die Forscher des Heidelberger Instituts für Konfliktforschung 424 politische Konflikte auf der Welt – die höchste Zahl, seit das Institut Anfang der 90er Jahre seine Arbeit aufnahm. Im Jahr 2016 überschritt die Zahl der Flüchtlinge weltweit erstmals die 60 Millionen Marke: Ausgelöst durch Krieg, Gewaltherrschaft und Armut seien Ende 2016 65,6 Millionen Menschen auf der Flucht, konstatiert das Flüchtlingshilfswerk UNHCR. Auch in Europa rückt die Thematik durch gestiegene Flüchtlingszahlen nicht nur ins Bewusstsein der Menschen, sondern auch auf die politische Agenda, obwohl nur die absolute Spitze des Eisbergs – 722.370 Personen, laut Bundesinnenministerium – 2016 tatsächlich in Deutschland Asyl beantragte.

Einen Brennpunkt der Flüchtlingsthematik in Berlin nimmt Michael Stoll mit seinem Projekt LAGESO in den Fokus. Dieser Arbeit kann man sich sehr gut mit Hilfe von Jürgen Habermas nähern: Habermas unterscheidet zwischen Lebenswelt und System. Die Lebenswelt zeichnet sich durch sprachliche Verständigung aus und basiert auf dem, was uns Menschen von anderen Lebewesen unterscheidet: In einer sprachlichen Auseinandersetzung sind wir in der Lage, uns durch gute Argumente, rationaler oder emotionaler Art, überzeugen zu lassen. Ein System hingegen repräsentiert einen bestimmten funktionalen Bereich unserer Gesellschaft, in dem die kommunikative Verständigung durch binäre Codes ersetzt ist: 1 oder 0, drinnen oder draußen. An bestimmten Stellen der Gesellschaft prallen diese beiden Komponenten aufeinander. Einer dieser Orte ist das LAGESO in Berlin. Hier findet die Erstregistrierung von Geflüchteten statt, hier werden die Asylanträge gestellt und bearbeitet. Die bürokratischen Strukturen dieser Behörde sind, wie in allen Verwaltungen, systemisch organisiert. In den auszufüllenden Formularen gibt es nur die Möglichkeit, Ja oder Nein anzukreuzen. Ein definierter Asylgrund wird erfüllt oder nicht – aber eben nicht ein bisschen. Gleichzeitig bewegen sich in diesem System Menschen mit Schicksalen. Mit komplexen, umwegigen Lebensläufen. Mit rationalen und emotionalen Fluchtgründen.

Michael Stolls Arbeit befasst sich mit der Unmöglichkeit, diese beiden Komponenten in Einklang zu bringen: Einerseits eine bis ins kleinste Detail ausdifferenzierte, höchst bürokratische Verwaltungsstelle und andererseits Bearbeitungsnummern hinter denen Menschen stehen, deren Lebensgeschichten sich nicht in Formulare pressen lassen und deren Einzelschicksale Empathie und Menschlichkeit verlangen.

Passender könnte der Ausstellungsort, der Projektraum Kurt-Kurt, mit seiner aktuellen Ausstellungsreihe „sans papiers – Das Leben ist eine Reise“ kaum sein: In unmittelbarer Nähe zum LAGESO, dem Berliner Epizentrum der Flüchtlingsbewegung im Sommer 2015, zeigt Michael Stoll das breite Spektrum seiner Arbeitstechniken. Während im vorderen Raum der pinke LAGESO-Lageplan also die systemische, rationalisierte Komponente einer Fluchtgeschichte darstellt, fängt die Serie der 3D-gedruckten Fluchtstücke die unterschiedlichsten Emotionen ein, die einen Menschen in die Flucht treiben und ihn dabei begleiten. Die Objekte repräsentieren die individuellen Lebensgeschichten, Ängste und Hoffnungen, die der Flüchtende im Gepäck hat. Das Handy als letzte Verbindung zur Familie. Das metallene Doppelstockbett als Verlust der Privatsphäre. Das Absperrgitter als wiederkehrende, kafkaeske Grenze – räumlich, bürokratisch, zwischenmenschlich, nationalstaatlich.

Der hintere Raum lässt den Betrachter tiefer in die Thematik eintauchen: Er findet sich in einem Wartesaal mit Stuhlreihen und Nummernanzeige wieder. Dominierend präsentiert sich hier eine großflächige Plakatwand in grellem Neongelb, die eine Textarbeit von Michael Stoll zeigt. Diese Anleitung zum Asylantrag basiert auf zahlreichen Interviews vor Ort am LAGeSo, mit Asylsuchenden und Helfern, sowie Orginal-Unterlagen aus Asylverfahren. Daraus entstand zunächst eine Art Leitfaden für Asylsuchende, der sich in Form und Ton am Stil amtlicher Formulare anlehnt. Die typographisch auffälligen schwarzen Blöcke referieren dabei auf die geschwärzten Textteile der Orginal-Unterlagen. Michael Stoll möchte mit dieser Arbeit dem Nichtasylsuchenden die Absurdität des bürokratischen Prozedere vorführen.

Verlässt der Betrachter das Wartezimmer, stößt er im mittleren Raum auf eine Zeltkonstruktion. Wie in der Textarbeit beschrieben, verwandelte sich der Park gegenüber des LAGeSo im Sommer 2015 in eine Art inoffizielles Flüchtlingslager. Zum großen Teil völlig ungeschützt harrten hier ganze Familien über Wochen aus, bis sie in Notunterkünfte untergebracht wurden. Angetrieben von diesen Eindrücken entwickelte Michael Stoll eine einfache, zusammensteckbare Zeltstruktur, deren Verbindungsstücke mit Hilfe eines Programms 3D-gedruckt werden können. Leonie Lydorf, Soziologin

 

Nach Stationen in Biel, Bern, New York und Zürich lebt und arbeitet Michael Stoll (*1983 in Schaffhausen) nun in Berlin.

www.stolm4.blogspot.com

 

KUNST, FLUCHT und MIGRATION

Symposium im Rahmen der Projekt- und Ausstellungsreihe

sans papiers – Das Leben ist eine Reise

14.10.2017 ab 14 Uhr im Projektraum Kurt-kurt, Lübecker Straße 13, 10559 Berlin

Ausgehend von den Erfahrungen der letzten Jahre als direkte Nachbarn des LAGeSos (Landesamt für Gesundheit und Soziales) an der Turmstraße begegnen wir der neuen Situation der Flucht nach Deutschland mit der Projekt- und Ausstellungsreihe sans papiers – Das Leben ist eine Reise auf einer künstlerischen Ebene und zeigen Wege, Potentiale, Chancen und die Notwendigkeit eines integrativen Diskurses über „unsere gemeinsame“ Sprache, die Sprache der Kunst, auf. Nach über einem Jahr mit Ausstellungen, Diskussionen, Dinner Lectures und vielen Begegnungen stellt das Symposium den Dialog und die Zusammenarbeit auf Augenhöhe ins Zentrum, damit Erfahrungen und Erlebnisse, Geschichte und Geschichten mit schon länger angekommenen und gerade erst ankommenden Menschen erprobt, durchleuchtet, hinterfragt, bearbeitet und diskutiert werden können.

Das Symposium zum Projekt sans papiers – Das Leben ist eine Reise schafft Begegnungen, ermöglicht Zusammenarbeit und Austausch, setzt sich mit Möglichkeiten eines gesellschaftsverändernden Prozesses auseinander, stößt politische Debatten an, mit dem Ziel, die Aufteilung in «sie» und «wir» zu überwinden. Es können Strukturen zur Aneignung von Raum und Platz, Aneignung von gesellschaftlichen und künstlerischen Möglichkeiten und Aneignung von Strategien des Überlebens an einem neuen Ort entwickelt werden..

Schauen, Denken, Sprechen und Arbeiten als eine gemeinschaftliche Erfahrung. Künstler*innen und Besucher*innen treffen im Projektraum Kurt-Kurt aufeinander, weil sie sich an Orten wie z.B. Damaskus, Aleppo, Kabul oder Bagdad nicht mehr treffen können.

PROGRAMM Symposium 14.10.2017

Die Veranstaltung wird auf Deutsch und Englisch stattfinden. Übersetzungen in die jeweils andere Sprache werden nach Bedarf angeboten.

 

14:00               Willkommen im Projektraum Kurt-Kurt

                         Begrüßung  und Einführung in die Projekt- und Ausstellungsreihe

                         sans papiers – Das Leben ist eine Reise mit Pfelder und Simone Zaugg

14:15                Führung durch die Ausstellung FLUCHT VERWALTEN mit dem Künstler Michael Stoll

 

14:30               Panel 1: Dr. Charlotte Bank

Vortrag über die Kunstszene in Syrien von 2000 bis zum Krieg

 

15:45               Panel 2: Prof. Dr. Anja Lüthy mit den Gästen Saleh Mghir und Mohamad Mghir

Vortrag über die ehrenamtliche Unterstützung geflüchteter Menschen in Berlin

bei der Integration und bei der Bewältigung des Behördenwahnsinns sowie über die

Vereinsarbeit bei Place4Refugees e.V.

 

17:15               Pause mit Catering von Bernhard Thome | Kunst & Kochen

 

17:45               Panel 3: Ramy Al-Asheq

Vortrag und Lesung über das „Weiterschreiben“ als Schriftsteller und ehemaliger Chefredakteur

der ersten arabischen Zeitung in Deutschland für Flüchtlinge und Deutsche mit dem Titel ABWAB

 

19:00               Abschlussdiskussion mit allen Teinehmer*innenn

19:30               Ende der Veranstaltung

 

Eintritt frei.

Es wird ein Catering mit einer Herbstsuppe, internationalen Brotsorten und warmen und kalten Getränken geben.

Zwischen den Vorträgen mit anschließender Diskussion ist jeweils eine 15-minütige Pause und um 17:15 Uhr eine halbstündige Pause geplant.

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